[Rezension] Ian Beck - Pastworld

Inhalt:

Pastworld - der grösste Themenpark der Welt. Lassen Sie sich ins London des 19. Jahrhunderts versetzen! 100% authentisch!

Caleb begleitet eigentlich nur seinen Vater nach Pasworld, doch dann werden sie überfallen und plötzlich ist alles gaz anders. In Pastworld werden Mörder gehängt und irgendjemand will Caleb tatsächlich einen Mord anhängen! Wer sind die Zerlumpten Männer und was wollen sie von Caleb und seinem Vater?

Meine Meinung:

Ein Vergnügungspark, der das 19. Jahrhundert detailgetreu nachstellt? Dort würde ich sofort hinfahren! Doch das ist gar nicht so einfach: Die Erbauer bemühen sich um 100% Authentizität. Das bedeutet keine Handys, keine Computer, keine Autos. Das bedeutet Pferdekutschen, altertümliche Bekleidung und ein monatelanges Training bevor der Urlaub überhaupt erst losgeht.

Ian Beck lässt seine Geschichte in einer vergangenen Zeit spielen, obwohl wir uns eigentlich in der Zukunft befinden. Im Jahre 2048, um genau zu sein. Ein sehr interssantes Konzept, das teilweise sogar etwas steampunkig anmutet. Auch die Idee mit dem mysteriösen Phantom, das Leute auf spektakuläre Art und Weise umbringt, birgt Spannung. Eigentlich ist das Buch sozusagen ein richtiger Krimi.

Der Autor nahm sich viel Zeit, um sich seinen Themenpark zu visualisieren. Man erfährt, welche Regelungen in Pastworld gelten. So hat man zum Beispiel einen errechneten Betrag, den man an Arme und Bettler spendet. Dass dazwischen immer wieder modernste Überwachungskameras in Rattenform auftauchen, lässt uns aber nicht vergessen, dass Pastworld nichts weiter ist als ein Vergnügungspark.

Alle bisher gelisteten Punkte sprechen eigentlich dafür, dass mir das Buch gefallen könnte. Oder gefallen hätte. Leider konnte es mich keineswegs überzeugen. Der Mittelteil gefiel mir ganz gut und den habe ich auch zügig und erwartungsvoll gelesen. Der Beginn und das Ende dagegen fand ich eher katastrophal.

Unterdessen kenne ich meinen eigenen Büchergeschmack gut genug, um zu wissen, von welchen Titeln ich die Finger lassen sollte. Als ich "Pastworld" auf die Wunschliste setzte und auch bekam, hatte sich dieses Feingefühl wohl noch nicht entwickelt. Denn mit dem Wissen, das ich jetzt habe, häte ich von Anfang an gespürt, dass Becks Buch nichts für mich ist.

Für Jugendliche bietet das Buch einen guten Einblick in die Vergangenheit, ohne angestaubt zu wirken. Immerhin blitzt immer wieder etwas Hightech durch. Ausserdem kommt alles vor, was junge Leute bewegt: Stress mit den Eltern, erste Liebe, Mordverdacht Freundschaft und die Suche nach sich selbst.

Mir persönlich passte jedoch die Umsetzung nicht. Geschrieben ist das Buch in einer zur Zielgruppe passenden Sprache, oft sogar etwas im viktorianischen Stil eingefärbt, aber ohne zu überfordern. Damit hatte ich gerechnet, ein Jugendbuch muss sich flüssig lesen lassen und das ist hier gegeben. Also keine Angst vor dem Umfang des Buches - das meiste davon ist Mogelpackung (die Seiten sind recht dick und gross beschrieben).

Fangen wir mit den Figuren an: Caleb und BibleMac fand ich grossartig, die mochte ich von Anfang an und hätte sie gerne als meine Freunde. Deshalb las ich auch den Mittelteil der Geschichte mit ganzer Aufmerksamkeit. Denn dort geht es hauptsächlich um diese Männerfreundschaft. Beide Jungs sind gut gezeichnet, der eine eher düster und etwas mürrisch, während der andere genau das Gegenteil davon ist. Diese Kombi macht wirklich Spass.

Dann ist da aber noch Eve, die dritte Hauptfigur. Mit ihr Begann das Buch auch und sie spielt eine zentrale Rolle. Und mit ihr hatte ich meine liebe Mühe. Sie ist zu perfekt. Auch wenn das später erklärt wird, mag ich trotzdem keine perfekten Charaktere. Niemand ist perfekt, kein Mensch. Aber das wird gegen Ende der Geschichte erläutert, zumindest Ansatzweise. Einige Fragen bleiben aber doch offen.

Auch ihr Verhalten leuchtete mir einfach nicht ein. Sie verlässt den Mann, der sich jahrelang um sie gekümmert hat, ohne ihm etwas zu sagen, ohne ein Danke. Sie hat ein wenig Geld und keine Ahnung, was sie nun tun soll. Spendet aber als erstes Geld an einen Armen und kauft sich einen teuren Kuchen. Oliver Twist lässt grüssen. Dann erfährt sie, dass Pastworld nur ein Vergnügungspark ist und nimmt es einfach hin. Ihr ganzes Leben war eine Lüge und wird auf den Kopf gestellt. Aber das ist in Ordnung so. Das kann ich einfach nicht verstehen. Niemand nimmt so eine Botschaft auf, ohne mit der Wimper zu zucken.

Ein weiterer Punkt, weshalb mir das Buch nicht gefallen hat, war Becks Sprache. Wie bereits erwähnt, liest sich das Buch flüssig. Aber leider kommt dabei keinerlei Spannung auf. Auch keine Gefühle. Angeblich ist BibleMac in Eve verliebt und umgekehrt. Aber für mich war da gar nichts. Es war eher so, als hätte der Autor einfach noch rasch eine Romanze reinquetschen müssen. Von der angeblich grossen Liebe habe ich aber nicht viel entdeckt. Es gab auch keinen Platz, an dem sich diese Gefühle hätten entwickeln können.

Weiter schien mir das Buch eher von einem Schüler geschrieben als von einem Erwachsenen. Es kommt kein Tempo auf, auch nicht als der Endkampf bevorsteht. Diese Szene fand ich sowieso übertrieben und alle Charaktere verhielten sich so abgedroschen, dass ich die letzten Seiten mit einem Stirnrunzeln las, das ich nicht mehr aus meinem Gesicht gekriegt habe.

Beck hat die Existens von Wörtern wie "plötzlich", "im selben Moment" oder "auf einmal" noch nicht wahrgenommen, wie mir scheint. Er schreibt eher gemütlich und alles geschieht nacheinander. Aufgereiht wie bei einer Perlenkette. Und dann... Und dann das... Und dann jenes... Selbst jungen Lesern darf man etwas Spannung und Aufregung zutrauen. Die fallen schon nicht gleich tot um. Denke ich mal. Ich hab mit 12 bereits aufregendere Bücher gelesen und 15 Jahre danach lebe ich immer noch.

Fazit:

Leider definitiv kein Buch für mich. Obwohl Ansätze da waren, hat der Autor sie nicht ganz ausgereizt. Die Romanze hätte man weglassen können, dafür mehr Gespühr und Gefühl auf Spannung und Lesefluss verwenden können.

Gestaltet ist das Buch jedoch ziemlich schön und da es sich auch ganz einfach weglesen liess, habe ich nicht daran gedacht, es abzubrechen. Aber eigentlich hätte ich diese Lesezeit auch mit etwas Besserem verbringen können...

Ian Beck
Pastworld
TB, 2. Auflage 2010
Loewe

978-3-7855-7156-9

Aus dem Englischen von Barbara Abedi
Originalausgabe: Pastworld
Bloomsbury, 2009

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