[Rezension] Jurek Becker - Bronsteins Kinder

Inhalt:

Vor einem Jahr ist Hans' Vater gestorben. Die Ereignisse, die dazu führten, waren die denkbar merkwürdigsten und treiben den jungen Mann noch immer um. Hans' Leben hat sich seither stark verändert und er kann nicht loslassen. Deshalb erzählt er, was damals 1973 geschehen ist...

Meine Meinung:

Zu Jurek Beckers "Bronsteins Kinder" habe ich ein zwiegespaltenes Verhältnis. Während mir "Jakob der Lügner" von Anfang an gefiel, hatte ich mit diesem Werk etwas mehr Mühe.

Natürlich merkt man auch hier sogleich Beckers erzählerisches Talent. Noch kein Buch, das ich bisher gelesen habe, hat die Nachkriegsgeneration so deutlich dargestellt wie dieses. Hans' Vater hat das Lager überlebt, aber den Sohn interessiert das nicht. Nach 20, 30 Jahren sollte das vergessen sein. Oder nicht? Wie lange dauert es, bis solche Wunden geheilt sind? heilen sie überhaupt jemals?

Dies ist das zentrale Thema dieses Werks. Hans und seine zerstörte Beziehung zu seinem Vater. Die Fragen, die aufgeworfen werden. Hans' Schwester Elle, die seit dem Krieg in der Irrenanstalt lebt. Dennoch erwähnt Becker die Geschehnisse des Krieges mit keinem Wort. Auch dieser Schriftsteller geht davon aus, dass der Leser eine gewisse Mündigkeit besitzt und weiss, was während des Zweiten Weltkrieges geschehen ist. Ausserdm zeigt dies auch Hans' Sichtweisen darauf - er geht dem Thema aus dem Weg. An keiner Stelle setzt er sich wirklich mit der Vergangenheit seines Vaters oder seiner Schwester auseinander.

Damit schafft Becker eine sehr dichte Stimmung und eine gewisse Faszination. Dadurch ist man fast gezwungen weiterzulesen. Doch genau da setzten meine Kritikpunkte an. Denn becker verlor mich als Leserin nach den aufwühlenden Szenen immer wieder.

Die ruhige erzählweise passt zwar dann, wenn etwas Wichtiges geschieht, doch langweilt, sobald Hans beginnt, von seinem momentanen Alltag zu berichten. Diese momente zeigen zwar seine Verlorenheit auf, zu lesen sind sie jedoch ziemlich dröge.

Auch der Übergang von Vergangenheit zu Gegenwart ist schlecht geglückt. Es wechselt meist mitten im Text und mehr als einmal wurde mein Lesefluss dadurch gestört. Plötzlich stellt man fest, dass man bisher in der ganz falschen Zeit gewesen war und muss nun blitzschnell umwechseln. Da holpert es beim Lesen ziemlich.

Hinzu kommt noch das Ende. Ich gehöre nicht zu jenen, die offene Enden grundsätzlich ablehnen. Teilweise gefällt mir das sogar. Aber hier ist das Ende nicht offen, sondern die Geschichte endet einfach. Praktisch mitten im Satz. Als wäre der Autor während des Schreibens ohnmächtig geworden. Das hat Becker gut inszeniert, denn so bleibt das Buch im Kopf, aber wohl eher auf eine negative Art und Weise. Becker als talentierter Schreiber hätte das bestimmt anders und genauso eindrücklich erledigen können.

Fazit:

Ein Buch, das sich trotz allem zu lesen lohnt. Ein überaus interessantes Thema, das ganz speziell aufgegriffen wird. An der Umsetzung hapert es teilweise etwas, dennoch würde ich vier von fünf Punkten vergeben, da die starken Szenen wirklich stark und mächtig sind.


Jurek Becker
Bronsteins Kinder
TB, Erste Auflage 1988
Suhrkamp

978-3-518-38017-8

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