[Rezension] T.C. Boyle - Die Terranauten

Rückentext:
Was passiert, wenn man vier Männer und vier Frauen in ein riesiges Terrarium einspert? Wissenschaftler in Arizona unternehmen den Versuch, in einem geschlossenen Ökosystem das Leben nachzubilden. T.C. Boyles fabelhafter Roman, basierend auf einer wahren Geschichte, erzählt vom halsbrecherischen Versuch, eine neue Welt zu erschaffen, um sich vor dem Untergang unserer eigenen zu retten.

Meine Meinung:
Von T.C. Boyle hatte ich schon viel gehört, viel Gutes vor allem. Bisher war ich zwar immer neugierig auf diesen berühmten Autoren, aber es ergab sich nicht, dass ich etwas von ihm las. Bis zur Lovelybooks-Leserunde zu Boyles ersten Werk "Die Terranauten".

Gestartet bin ich voller Neugierde und Enthusiasmus. Der Schreibstil gefiel mir sofort, er ist angenehm weich, literarisch, aber nicht protzig. Man findet sich gleich zurecht und fühlt sich wohl darin. Leider ging die erste Begegnung zwischen mir und Boyle dann aber doch nicht sonderlich gut aus.

Die Geschichte wird uns aus drei Perspektiven erzählt: von Dawn, ihrer Freundin Linda und Ramsay. Dawn und Ramsay erzählen als Terranauten, sie befinden sich innerhalb von E2. Linda, die es kaum verschmerzen kann, dass Dawn und nicht sie für das Projekt ausgewählt wurde, fügt der Geschichte die Sichtweise von ausserhalb bei. 

Rasch stellt sich heraus, dass keine der auftretenden Figuren, egal ob Haupt- oder Nebencharakter, in irgendeiner Weise sympathisch sind. Grundsätzlich sind alle sehr egozentrisch. Das kann ich verschmerzen, denn ein Charakter muss mir nicht unbedingt sympathisch sein, damit ich die Geschichte geniessen kann.

Doch das Verhalten unserer "Helden" ging mir mit jedem Kapitel mehr auf die Nerven. Ich kam mir vor, wie auf dem Schulhof, wo ein paar pubertäre Jugendliche sich gegenseitig schubsen, weil jemand mal falsch geguckt hat. Mehr und mehr stellt sich heraus, dass es in diesem Buch hauptsächlich um eines geht: Sex. Wer vögelt mit wem und warum.

Kaum zeichnete sich dieses ab, rutschte meine Lesefreude etwas auf der Skala nach unten. Je länger dieses kindische, unprofessionelle Verhalten anging, desto mehr verlor ich die Lust am Lesen. Hier geht es und zu her wie in einer Soap. Wo ich Wissenschaft und Tiefe erwartet habe, finde ich einen schwanzgesteuerten Ramsay, eine egomanische Dawn und eine über alle Massen frustrierte und psychich labile Linda. Wobei letztere von allen Figuren noch die glaubhafteste und interessanteste ist.

Ein paar Mal ist das Wort "Charakterstudie" gefallen, was für mich aber auch nicht passt. Denn um solch eine Studie beschreiben zu können, muss man erst einmal Charaktere haben. Dies ist hier nicht der Fall. Die Figurenkonstellationen bleiben starr (Dawn entscheidet etwas - alle sind genervt - Dawn beschwert sich bei Linda - sie streiten - alle grummeln), keiner entwickelt sich in einer erwähnenswerten Art weiter und was hätte interessant werden können (Rangordnung, die in Frage gestellt wird, Gruppen, die sich bilden), passiert nicht.

Auch der wissenschaftliche Teil ist kleiner als ich gehofft hatte. Von einem Autoren mit dem Rang, den T.C. Boyle in Medien einnimmt, hätte ich eigentlich eine komplexe Betrachtung unserer Konsumgesellschaft erwartet. Zwar keine Lösung für unsere Probleme, aber dennoch ein leichtes Vor-Augen-Führen, dass es um unseren Planeten nicht zum Besten steht -warum sonst hätte man eine zweite Erde bauen sollen?-

Passiert nicht. Am Rande vielleicht. Aber E2 ist einfach nur ein hübscher Hintergrund, vor dem sich die bereits erwähnte Soap abspielt (mit allem Drum und Dran: geheimen Beziehungen, sexuellen Ausflüchten, Versprechen, die gebrochen werden...). Hätte ich gewusst, dass es in erster Linie darum geht - ich hätte die Hände davon gelassen.

Von der erhofften Intelligenz habe ich gar nichts gefunden. Nur der Schreibstil, der mir, wie eingangs erwähnt, sehr zugesagt hat. Ansonsten erweist sich "Die Terranauten" als absoluter Flop und wird deshalb gleich aussortiert. Trotz des schön aufgemachten Umschlags.


T.C. Boyle
Die Terranauten
HC mit Schutzumschlag, 2016
Hanser

978-3-446-25386-5

Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Originalausgabe: The Terranauts
Ecco, New York 2016

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