Montag, 20. Februar 2017

[Rezension] Gianrico Carofiglio - Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land

Rückentext:
Girgio ist ein mustergültiger Sohn und strebsamer Jurastudent, er hat eine nette Freundin und konkrete Vorstellungen davon, wie sein Leben einmal aussehen soll. Als er eines Abends jedoch auf den charismatischen Francesco trifft, einen undurchschaubaren Nichtstuer, ändert sich sein Leben auf fatale Weise. Denn Giorgio würde alles tun, um neben Francesco eine schillernde Figur abzugeben. Und so gerät er immer tiefer in den Sog der zwielichtigen Welt seines neuen Freundes: Konspirative nächtliche Treffen ziehen ihn unaufhaltsam in einen gefährlichen Strudel der Kriminalität...

Meine Meinung:
Carofiglios Romane mit und über Avvocato Guerrieri gehören zu meinen liebsten Krimis. Wer genug hat von Donna Leon, aber noch immer an Italien und Kriminalromanen hängt, der sollte sich mal diese Reihe zu Gemüte führen. "Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land" ist jedoch ein für sich stehendes Buch, das ich aber auch unbedingt lesen wollte, da Carofiglio es ausgezeichnet versteht, einen völlig mit seinen Geschichten zu bannen.

Und einen zu fesseln, das schafft Carofiglio auch hier. Zwar bewegt sich dieses Buch nicht ganz auf der qualitativen Höhe der Guerrieri-Reihe, aber dennoch bin ich froh, auch dieses Werk gelesen zu haben. Denn es wirft einige Fragen auf, die uns auch im Alltag begegnen. Die Faszination des Verbotenen, Menschen, die einen zu starken Einfluss auf uns ausüben, und die Frage nach Recht und Ordnung. Dies tritt vor allem auf den letzten Seiten stark zum Vorschein.

Carofiglio erzählt diese Geschichte gewohnt ruhig und bedacht. Teilweise scheint es, als würde er zögern, um auch ja stets die richtigen Worte zu finden. So entsteht eine dichte Atmosphäre, in der sich Girgio bewegt und es zieht ihn immer tiefer in diesen Nebel. Leider sorgt diese vorsichtige Ausdrucksweise auch dafür, dass man das Erzählte rasch wieder vergisst. Das Buch hat jedoch grosses Re-Read-Potential, vor allem, wenn man auch den Schluss kennt. Von daher lohnt es sich, nach einiger Zeit noch einmal nach "Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land" zu greifen.


Gianrico Carofiglio
Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land
TB, 1. Auflage 2011
Goldmann

978-3-442-47384-7

Aus dem Italienischen von Julia Eisele
Originalausgabe: Il passato è una terra straniera
RCS Libri, Milano 2011

[Leserunde] Gottfried Keller - Kleider machen Leute #1



Wie bereits hier angekündigt, startet heute die gemeinsame Leserunde von Lilja und mir. Es wird jeden Tag einen Post geben, in welchen wir über das Buch berichten (Spoilers!) und die Fragen, die Lilja ausgearbeitet hat, beantworten.

Heute geht es mit den Vorbereitungen los und morgen stürzen wir uns dann auf Kellers Werk. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich auf die gemütliche Runde.

Wer noch Lust hat, einzusteigen, darf dies gerne noch tun.
 
 
Leserunde zu Gottfried Kellers "Kleider machen Leute" - Einstieg
 
 
Ich lese die traditionelle Reclam-Ausgabe. Die ist handlich und liegt seit Jahren versteckt bei mir rum. Soweit ich weiss, noch aus der Lehrzeit! Höchste Zeit also, mir das Buch zu Gemüte zu führen.

Heute beginnen wir noch ohne zu lesen, sondern machen uns in Ruhe Gedanken über die Geschichte. Das fördert die Vorfreude und das Interesse am Werk.

Was erwartest du von dem Buch?
Grundsätzlich erwarte ich nicht so viel, da ich das Werk Gottfried Kellers noch nicht kenne. In der Schule wurde kurz mal "Romeo und Julia auf dem Dorfe" durchgenommen, aber ihr wisst wahrscheinlich, dass mir der "Romeo und Julia"-Stoff auch in abgewandelter Form nicht anspricht. Deshalb kam es bisher nicht dazu, dass ich Keller las. Aber so weit ich informiert bin, sind die Geschichten der "Leute von Seldwyla", zu denen auch dieses Buch gehört, eher unterhaltsam als schwer. Auf jeden Fall bin ich gespannt.

Hast du schon etwas anderes von Gottfried Keller gelesen? 
Leider nein, bis auf die oben erwähnte Besprechung. Das ist lange her, vielleicht hätten wir das Buch auch für die Schule lesen sollen, aber wenn, dann tat ich dies nicht. Zu der Zeit hatte ich es überhaupt nicht mit Schweizer Autoren (Keller war Zürcher) und auch um Gottfried Keller machte ich einen grossen Bogen. Unterdessen weiss ich, dass es doch einige talentierte Schweizer Schriftsteller gibt. Sollte mir "Kleider machen Leute" gefallen, bin ich offen für weitere Geschichten aus Seldwyla.

Was könnte das Thema des Buches sein? 
Soweit ich es mitbekommen habe, geht es um einen jungen Mann, der auf die eine oder andere Art zu einer Offiziersuniform oder Ähnlichem kommt und im Dorf natürlich allerlei Vorzüge geniesst. Klingt sehr nach dem "Hauptmann von Köpenick" - vielleicht verwechsle ich da auch etwas. Aber die Aussage ist ja eigentlich dieselbe.

Morgen geht es los mit dem ersten Teil. 

Sonntag, 19. Februar 2017

[Manga] Sui Ishida - Tokyo Ghoul 1 & Konami Kanata - Kleine Katze Chi 1&2

Rückentext:
Dem Tod gerade noch mal von der Schippe gesprungen, erwacht Oberschüler Ken als Ghul wieder. Zuerst ist alles normal. Doch dann beginnt, er, Appetit auf Menschen zu entwickeln - was einige moralische Fragen aufwirft. Ken würde sich lieber umbringen, als Menschen zu fressen. So weit kommt es aber nicht, denn offenbar gibt es noch andere wie ihn. Eine geheime Gesellschaft der Ghule lebt längst unter uns.

Meine Meinung:
"Tokyo Ghoul" ist ein sehr bekannter Manga mit einer ebenso berühmten Anime-Adaption. Die Fanbase scheint sehr treu und begeistert zu sein, sodass ich natürlich neugierig wurde und mir vor einem Jahr (!) den ersten Band der Reihe zugelegt habe.

Wie ihr euch denken könnt, ist dies hier keine Kuschelgeschichte mit Blümchen und Schmetterlingen. Eher im Gegenteil: es gibt viel Blut, Menschenfresser und Kaffee. Ishida hat einen leicht Augenzwinkernden Humor. Aber ansonsten ist der Manga dunkel und verstörend. Natürlich wirft er auch einige Fragen auf: unter welchen Umständen ist es gerechtfertigt, Menschenfleisch zu essen? Was ist ein Menschenleben wert?

Ishidas Zeichnungsstil ist sehr einprägsam, auf eine detaillierte Art und Weise schlicht. Die Geschichte schreitet rasch voran und nimmt weder Rücksicht auf Ken, noch auf sonst irgendjemand. Leider bemerkte ich, dass sich die Bilder und die Handlung nicht lange in meinem Kopf hielten. Schon kurz nach der Lektüre, die jedoch unheimlich fesselnd war, hatte ich eigentlich schon wieder alles vergessen. Hätte ich den Manga nicht hier, um darin herumzublättern, ich hätte keinerlei Erinnerung an den Ablauf der Geschichte, die Figuren oder den Zeichnugnsstil.

Aus diesem Grund werde ich die Mangareihe nicht weiterverfolgen, aber dem Anime gerne eine Chance geben. Denn das Thema ist doch wahrlich spannend und faszinierend.


Sui Ishida
Tokyo Ghoul 1
2011
Kaze

Aus dem Japanischen von Yuko Keller

978-2-88921-205-7

Rückentext:
Ein junges Kätzchen hat seine Katzenfamilie verloren und sich verlaufen. Viel Zeit zum Traurigsein bleibt ihm nicht, denn es wird von den Yamadas mit ihrem dreijährigen Sohn Yohei aufgenommen und wickelt die gesamte Familie in kürzester Zeit um die süsse Pfote.

Meine Meinung:
Diese Manga habe ich mir vom Hexenmeister ausgeliehen und mich schon sehr darauf gefreut. Die Cover zu "Kleine Katze Chi" sehen auf jeden Fall vielversprechend aus und waren es schlussendlich auch.

Zu Beginn möchte ich euch aber warnen: Chi ist so süss, davon bekommt man Diabetes. Ganz schnell. Ich konnte nicht einmal die ersten zwei Seiten umblättern, ohne ständiges "Jööh!" und "Wie niedlich!" Chi und ihre Katzenfamilie zierten nach keinen zwei Minuten die Oberfläche meines Handys.

Dabei tat mir die kleine Katze anfangs oft Leid. Sie ist alleine, verwirrt und sucht ihre Familie. Aber mehr und mehr verblassen die Erinnerungen und die Yamadas werden zu Chis Familie. Dabei dürften diese nicht einmal Katzen halten. Deshalb ist alles zu Beginn ganz provisorisch eingerichtet, aber mit jedem Kapitel kommen mehr Katzensachen ins Haus und jedem Leser wird bald klar, dass Chi dort bleiben wird.

Die Familie entwickelt eine äusserst lustige Dynamik, Chi stellt einfach alles auf den Kopf. Dabei ist der Leser immer direkt dabei und erhält, im Gegensatz zu den Yamadas, die direkte Übersetzung von allen Murrs und Miaus. Ich denke, Chi wäre mir als Katze zu gesprächig, aber den Yamadas scheint es zu gefallen. Es ist schön, zu erleben, wie die Familie mehr und mehr zusammenwächst - das geht echt ans Herz!

Dabei kennt sich Kanata mit Katzen sehr gut aus (hält selber welche und führt noch eine weitere Mangareihe mit Katzen), sodass die portraitierten Geschehnisse bestimmt in jedem Katzenbesitzer die eine oder andere Erinnerung wach rufen wird. Auch ich konnte unsere Mädels immer mal wieder in Chi wiedererkennen.

Die Manga kommen in voller Coloration daher, was ziemlich selten ist. Aber die leichten und heiteren Farben unterstützen die Stimmung in der Geschichte sehr und wir wissen ja alle, dass Süssigkeiten gerne bunt daherkommen.

Der Hexenmeister, der die Bände vor mir las, kritisierte, die Rechtschreibung im Manga. Um Chis Naivität darzustellen, werden einige Wörter extra falsch geschrieben, z.B. "luszig". Mich jedoch störte das nicht im Geringsten.

Ich auf jeden Fall freue mich auf die nächsten Abenteuer mit Chi!


Konami Kanata
Kleine Katze Chi 1&2
2004
Carlsen

978-3-551-74224-7

Aus dem Japanischen von Nadja Stutterheim

Samstag, 18. Februar 2017

[Rezension] Tim Akers - Das Herz von Veridon

Rückentext:
Mein Name ist Jacob Burn. Ich war an Bord eines Zeppelins, als er vom Himmel fiel. Ich stürzte mit den Flammen hinab und überlebte. Der Himmel mag mich wohl nicht besonders. Aber noch weniger mögen mich die Leute, die mich jagen. Sie sind hinter dem Artefakt her, das mir ein alter Bekannter vor dem Zeppelinabsturz in die Hand gedrückt hat, aber es scheint ziemlich bedeutend zu sein. Schliesslich will man mich dafür töten.
Meine Stadt Veridon ist ein gefährlicher Ort. Aber wenn es sein muss, kann ich noch viel gefährlicher sein...

Meine Meinung:
Dieses Buch war ein reiner Coverkauf. Naja, und ein "Es ist Steampunk!"-Kauf. Da es noch immer eine eher kleine Gattung auf dem deutschsprachigen Literaturmarkt ist, darf man nicht wählerisch sein. "Das Herz von Veridon" ist der Auftakt einer Reihe um die Stadt Veridon und Held Jacob Burn.
 
Dem Buch selber stehe ich zweigeteilt gegenüber. Genauer gesagt, hat mich bisher selten ein Buch so sehr gespalten. Einerseits gefällt mir die Stadt Veridon sehr gut, ich habe mich in ihr verloren und mich treiben lassen. Wie gerne würde ich sie mal mit eigenen Augen sehen! Auch die Ideen, die Akers in seine Geschichte einbindet, sind einzigartig und richtig schön steampunkig. Die Spinnenwesen der Anansi haben mir neben der Stadt am besten gefallen.

Andererseits konnte mich weder Handlung, noch Figuren überzeugen. Währen die schönen Einfälle, die Beschreibungen der Stadt und Wilson, der Anansi, nicht gewesen, hätte ich, wenn nicht abgebrochen, so doch das Buch aussortiert und keinen Gedanken mehr an die Reihe verschwendet.

Akers Sprachstil war mir zu simpel, so glitscht einfach so runter, ohne Spuren zu hinterlassen. Es kam für mich keine Spannung auf und obwohl immer irgendetwas passiert, wie in einem Action-Film, so hatte ich doch selten das Gefühl, dass es mich interessiert, wie es nun weitergeht.

Die Charaktere selbst sind alle ziemlich farblos und gehen in der Masse an Buchfiguren unter. Sie stechen durch nichts hinaus und mir war es auch relativ gleichgültig, was nun mit ihnen geschehen würde. Wenn ich gefragt würde, wie ich Jacob und dessen Freundin Emily beschreiben würde, ich könnte nicht antworten. Weil sie keinen Charakter haben.

Deshalb sitze ich nun hier und überlege, wie es weitergehen soll. Ja, ich möchte nach Veridon zurück. Nein, ich möchte Jacob nicht noch durch ein weiteres Abenteuer folgen müssen. Eine Alternative wäre, die Bücher auf Englisch zu lesen; wir wissen ja alle, dass durch eine schlechte Übersetzung sehr viel verloren gehen kann.

Das Cover zu Band zwei sieht auf jeden Fall sehr spannend auf und würde mich auch grundsätzlich interessieren (Zombies, yeah!). Aber dieses Buch beweist wieder einmal, wie schwer es ist, wirklich gute Steampunk-Bücher auf dem deutschen Markt zu finden.

Irgendwie macht mich das grad ziemlich traurig…

Tim Akers
Das Herz von Veridon
TB, 2012
Bastei Lübbe

978-3-404-20666-7

Originalausgabe: Heart of Veridon

Freitag, 17. Februar 2017

[Rezension] Bodo Kirchoff - Widerfahrnis

Rückentext:
Reither, bis vor kurzem Kleinverleger in einer Großstadt, nun in einem idyllischen Tal am Alpenrand, hat in der dortigen Bibliothek ein Buch ohne Titel entdeckt, auf dem Umschlag nur der Name der Autorin, und als ihn das noch beschäftigt, klingelt es abends bei ihm. Und bereits in derselben Nacht beginnt sein Widerfahrnis und führt ihn binnen drei Tagen bis nach Sizilien. Die, die ihn an die Hand nimmt, ist Leonie Palm, zuletzt Besitzerin eines Hutgeschäfts; sie hat ihren Laden geschlossen, weil es der Zeit an Hutgesichtern fehlt, und er seinen Verlag dichtgemacht, weil es zunehmend mehr Schreibende als Lesende gibt. Aber noch stärker verbindet die beiden, dass sie nicht mehr auf die große Liebe vorbereitet zu sein scheinen. Als dann nach drei Tagen im Auto am Mittelmeer das Glück über sie hereinbricht, schließt sich ihnen ein Mädchen an, das kein Wort redet, nur da ist … Amazon

Meine Meinung:
Bodo Kirchoff hat mit „Widerfahrnis“ den Deutschen Buchpreis 2016 gewonnen, den wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Zwar hatte ich zuvor noch nie von Kirchoff gehört, aber das tut nichts zur Sache. Auch nicht, dass ich erwartungsgemäss ziemlich lange darauf warten musste, dass das Buch in der Bibliothek frei war.

Schon während des Lesens wurde mir klar, weshalb das Buch es auf die Liste zum bedeutendsten Buchpreis im deutschsprachigen Raum geschafft hat. Den Vergleich zu den anderen Nominierten kann ich leider nicht ziehen, aber Kirchoffs Werk hat alles, was ich mir von einem Preisgewinner wünsche.

Zum einen einmal eine wunderschöne Sprache. Kirchoff erzählt atemlos, teilweise fast gehetzt und wirkt doch ruhig und in sich gekehrt. Auf direkte Rede wird praktisch ganz verzichtet. An einer Stelle lässt sich Reiter darüber aus, dass viele Autoren mit hohlen Gesprächen nur Seiten füllen wollen. Seither fällt es mir in jedem Buch negativ auf, wenn zu viel gesprochen wird. Denn bei Kirchoff reden die Figuren miteinander, ohne dass der Leser sinnlos zugetextet wird.

Somit hatte der Autor also nur schon aufgrund seines gewundenen Schreibstiles einen Stein im Brett. Dazu kamen jedoch noch die Figuren, die sich auf ihrer wahnwitzigen Reise durch Europa stets näher kommen, um dann auf dem Höhepunkt ihrer Nähe auseinanderzudriften. Jede Reise kommt irgendwann zu ihrem Ende und beide, Reiter und X machen eine starke Veränderung durch. Dieser Roadtrip hat beide aus ihrer Starre gerissen und ihnen ganz neue Möglichkeiten ihrer selbst aufgezeigt.

Da fragt man sich als Leser, ob man nicht auch selbst so eine Reise braucht. Oder ob man sich selbst dazu entschliessen kann, sich aus dem Trott hinauszuwerfen.

„Widerfahrnis“ hat eine enorme Tiefe, die ich wahrscheinlich noch nicht ganz greifen konnte. Deshalb denke ich, ist es ein perfektes Buch für eine Leserunde oder einen Lesekreis. Man kann zusammen neue Seiten entdecken, denn Kirchoff hat in seinen Stoff viele kleine Silberfäden eingewebt und die hie und da frech hervorglitzern. Man muss sie nur zu greifen wissen.

Für mich war dieses Buch gleichsam wie für Reiter eine Reise. Auf dieser Reise konnte ich staunen, entdecken und begreifen. Dieses Buch ist wahrlich ein Meisterwerk.



Bodo Kirchhoff
Widerfahrnis
HC mit Schutzumschlag, 2016
Frankfurter Verlagsanstalt

9783627002282

Montag, 13. Februar 2017

[Rezension] Cynthia Green - Wähle und zahle den Preis

Rückentext:
Cynthia Green studiert Kunst. Sie ist talentiert und durchsetzungsstark. 

In ihrer ersten Fotoarbeit stellt sie spannungsgeladen zwei Positionen gegenüber: Intimoperationen und Genitalverstümmelung - einerseits die grenzenlose Sucht nach Schönheit, die keine Tabus kennt, andererseits das grausame Ritual, welches auch heute noch in vielen Ländern an Frauen und Mädchen durchgeführt wird. Es kommt zu einem Skandal und Cynthia Green erscheint von jetzt auf gleich auf dem Radar der internationalen Kunstszene. 

Noch während diese Ausstellung weltweit gezeigt wird, plant Cynthia bereits ihr zweites Kunstprojekt. Die Zusammenarbeit mit einem Kunstfälscher bringt sie dabei an ihre Grenzen. 

Und auch ihr Privatleben wird kräftig durcheinander gewirbelt: Zunächst erlebt sie mit dem Musiker Baptiste paradiesische Tage und Nächte, dann verliebt sie sich in Alexander, der um einiges jünger ist als sie …

Meine Meinung:
Zu diesem Buch kam ich über eine Anfrage der Autorin. Ein Buch über Kunst? Da musste ich nicht lange nachdenken, hatte ich doch zwei Semester lang Kunst als Hauptfach. Cynthia Green hatte meine Neugierde geweckt und so stürzte ich mich auf das Buch, kaum das es bei mir eintraf.

Und die Kunst ist auch die eigentliche Hauptperson in diesem Werk. Nicht nur erleben wir mit, wie Cynthia Green ihre Ausstellung aufbaut, vom Konzept bis zur Vernissage, sondern die Autorin flicht auch sehr viele Details in ihre Erzählung mit ein. Dabei bleibt es nicht nur bei der Malerei; jede Art von Kunst kommt zu Wort: Filme, Bücher, Essen. Ich habe einige der erwähnten Punkte des Buches überprüft und die Autorin erzählt dem Leser hier tatsächlich viele unterhaltsame und spannende Fakten aus allen Kunstrichtungen. Mir gefallen solche eingewebten Informationen sehr gut, meistens kann ich mir solche Sachen sogar besser merken als wenn ich z.B. einen Zeitungsartikel lese. Nur schon dieser Punkt hat die Lektüre für mich sehr unterhaltsam gemacht.

Als Leser sollte man sich auf jeden Fall für die Kunst interessieren, ansonsten ist dieses Buch nichts für einen. Mir hat es genau darum so gut gefallen und ich wäre wirklich gerne an eine der Ausstellungen von Cynthia Green gegangen. Beide erwähnte Werke sind äusserst kritisch und animieren den Betrachter dazu, nachzudenken, zu hinterfragen und ziehen ihn so mitten hinein in das Kunstwerk, das doch leider so extrem real ist. Hier zeigt sich auch, was Künstler auf sich nehmen, um ihre Botschaft nach aussen zu tragen.

Daran, dass in "Wähle und zahle den Preis" der Weg das Ziel ist, musste ich mich erst gewöhnen. Anfangs suchte ich ständig nach dem bekannten roten Faden, der auf einen Höhepunkt hinausläuft, ein Ziel oder etwas Ähnliches. Erst mit der Zeit realisierte ich, dass es so etwas hier gar nicht braucht, und damit erst konnte ich voll und ganz ins Buch einsteigen und ganz mit dabei sein, wenn Cynthia Green an ihre eigenen Grenzen geht. Sehr oft fragte ich mich auch, wie viel vom Berichteten autobiographisch ist.

Nur der Schluss kam mir etwas zu abrupt und war dann auch etwas verwirrend zu lesen. Der ansonsten fliessende und angenehme Schreibstil wird plötzlich sehr kantig und abgehakt, manchmal musste ich einige Zeilen mehrfach lesen, um mitzubekommen, was soeben geschehen ist. Und ganz alles habe ich bis jetzt nicht ganz greifen können.

Dennoch haben mir diese letzten Seiten das Lesevergnügen nicht verdorben, sondern mich nur noch neugieriger gemacht. Vielleicht habe ich ja irgendwo irgendetwas Wichtiges überlesen? Auf jeden Fall ein Grund, das Buch noch einmal zu lesen.

Pluspunkte gibt es auch für den Namen des Hundes: My Hair Lady :D


Cynthias Green
Wähle und zahle den Preis
TB, 2016
978-1-53983074-0

Sonntag, 12. Februar 2017

[Rezension] Fritz Edlinger - Der nahe Osten brennt

Rückentext:
Fritz Edlinger hat für das vorliegende Buch eine Expertenrunde aus Historikern, Politologen, Kulturanthropologen und Journalisten versammelt, die die einzelnen Fäden des nahöstlichen Knäuels entwirren und damit die Komplexität des Brandherdes Naher Osten erklären helfen. Die Tragweite der Kolonialgeschichte wird ebenso thematisiert wie die Entstehung und Instrumentalisierung nationaler und religiöser Differenzen. Besonders im Fokus der Beiträge stehen die Interessen auswärtiger Akteure, für die der Nahe Osten zum Spielfeld ihrer militärischen und geopolitischen Auseinandersetzungen geworden ist, die – mit der Flüchtlingskrise – längst nicht mehr nur auf dem Rücken der lokalen Bevölkerung ausgetragen werden. Amazon

Meine Meinung:
Über dieses Buch bin ich per Zufall gestossen, als ich etwas in den Neuanschaffungen der Onleihe herumgeklickt habe. Kurzerhand habe ich Edlingers Titel ausgeliehen und war schon innert kürzester Zeit völlig ergriffen.
 
Über die Krise im Nahen Osten wird viel berichtet, viel und vor allem reisserisch. Pro und Kontra Flüchtlinge, das Intervenieren von USA und Russland, über Diktatoren und Demokratie. Doch was tatsächlich hinter dem Krieg steckt, der uns mehr beeinflusst, als wir denken mögen, darüber berichtet niemand.

Auch mir waren viele Zusammenhänge nicht klar, sodass ich mich mit grossem Interesse in die Lektüre dieses Buches stürzte. Ich sollte nicht enttäuscht werden. Was wir hier erfahren, das werden die BILD und ihre Artgenossen nicht berichten.

Durch unterschiedliche Beiträge von Fachleuten aus allen Sparten (X) wird dem Leser aufgezeigt, was wirklich der Grund für diesen Krieg ist, dass Russland nicht einfach nur „Der Böse“ ist, wie es hierzulande gerne dargestellt wird und was das Internet mit alldem zu tun hat. 
 
Natürlich ist nicht jeder Artikel gleich aufschlussreich oder birgt gleich viel Neues. Dennoch muss ich gestehen, dass ich in den letzten Jahren selten ein Buch gelesen habe, das mir so vieles erklärt hat und mir derart die Augen geöffnet hat.

Dabei handelt es sich nicht bloss um Verschwörungstheorien, sondern um fundiertes und belegbares Wissen. „Der Nahe Osten brennt“ ist ein Fachbuch von Fachleuten geschrieben, keine Aufmerksamkeitsheuscherei, kein Geschrei, sondern ruhige, nachvollziehbare Fakten mit Quellenangaben und Verweisen.

Ich sehe nach der Lektüre dieses Buches vieles anders als zuvor und bin froh, dass ich dieses Werk lesen durfte. Somit empfehle ich es jedem, der sich differenziert mit der Nahostkrise beschäftigen möchte, weitab von bezahlten Zeitungsartikeln, aufmerksamkeitsgeilen Reportern und Hasstiraden von Rechts und Links.


Fritz Edlinger (Hg.)
Der Nahe Osten brennt
Zwischen syrischem Bürgerkrieg und Weltkrieg
E-Book
ProMedia

978-3-85371-837-7