Mittwoch, 28. September 2016

[Rezension] Han Kang - Die Vegetarierin

Rückentext:
Ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch über eine Frau, die laut ihrem Ehemann an Durchschnittlichkeit kaum zu übertreffen ist - bis sie eines Tages beschliesst, kein Fleisch mehr zu essen.

Meine Meinung:
Dieses Buch hat den Man Booker-Preis gewonnen und somit sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nachdem ich erst gedacht hatte, ich lasse lieber die Finger davon, wurde ich nach mehreren positiven Rezensionen dann doch neugierig. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich das Buch mit dem Thema Vegetarismus vs. Fleischkonsum auseinandersetzt, erst nach den gelesenen Rezensionen wurde mir wage bewusst, dass es hier um etwas ganz anderes geht. Also beschloss ich mich dazu, es mit Han Kangs Werk zu versuchen.

Und schon nach kurzer Zeit faszinierte mich "Die Vegetarierin" durch und durch. Yeong-Hye ist zwar die Protagonistin der Geschichte, jedoch kommt sie eigentlich nie selbst zu Wort. Ihre Erlebnisse werden uns in Form von drei verschiedenen Menschen präsentiert: ihr Ehemann, ihr Schwager und ihre Schwester. Sie alle erzählen uns, was mit Yeong-Hye geschehen ist.

Dabei geht es in diesem Werk nicht um das Pro und Kontra des Fleischkonsums, sondern um eine psychische Erkrankung. Mehr und mehr wünscht sich Yeong-Hye, ein Baum zu werden. Die drei Erzählperspektiven stehen dabei für die unterschiedlichen Stadien ihrer Erkrankung. Han Kang geht in "Die Vegetarierin" jedoch nicht auf die Gründe für die Probleme ihrer Protagonistin ein, für die Handlung ist dies auch gar nicht wichtig. Wichtig ist, dass es geschieht und nicht weshalb.

Kang beschreibt in ihrer klaren, fast schon singenden Sprache keine Figuren, die einem unbedingt sympathisch sind. Dass wollen die Figuren auch nicht - sie haben andere Probleme, als dem Leser ein gutes Gefühl zu verpassen. Dieses Buch hier ist auch keines, bei dem man mit Tränen in den Augen "Arme Yeong-Hye!" schluchzt.

Eher reisst man seine Augen auf, schlägt sich die Hand vor den Mund oder ist einfach nur entsetzt. Vor allem das Verhalten der Familie ist einfach nur schrecklich. Niemand fragt Yeong-Hye "Warum?" oder "Wie geht es dir?" - nur Ablehnung und Zwang stehen der jungen Frau gegenüber. Ich konnte da echt nur den Kopf schütteln. Entrüstet war ich, als Yeong-Hyes Ehemann auch noch jammert, dass er das eigentliche Opfer ist. Solche Emotionen will die Autorin in uns wecken und bei mir ist ihr das hervorragend gelungen.

Das letzte Drittel erinnerte mich dabei stark an den Film "I am a Cyborg but that's ok". Jedoch behält das Buch seine ganz eigene Stimmung bei und beweist auf diese Weise, dass Koreaner nicht nur gute Filme drehen, sondern auch aussergewöhnliche Bücher schreiben.

Zum Schluss bleibt nur die Frage, ob man Yeong-Hye hätte helfen können. Wenn ihre Familie anders gehandelt hätte, wenn sich jemand die Zeit genommen hätte, sie die Mühe gemacht hätte, bevor alles zu spät war. Ob Yeong-Hye diese Hilfe überhaupt angenommen hätte? Denn sie war mit sich im Reinen - bis zum Schluss.


Han Kang
Die Vegetarierin
HC, 1. Auflage 2016
Aufbau

978-3-351-03653-9

Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
Originalausgabe: Vegetarierin, Ch'angbi 2007

Sonntag, 25. September 2016

[Rezension] Dan Kieran & Tom Hodgkinson - Das Buch der hundert Vergnügungen

Rückentext:
'Schatten beobachten', 'Warten, dass der Tee zieht' oder 'Luftpolsterfolie platt drücken' - dass wir die schönsten Dinge im Leben häufig direkt vor unserer Nase finden können, zeigen Dan Kieran und Tom Hodgkinson mit erfrischender Leichtigkeit. "Das Buch der hundert Vergnügunen" ist eine charmante Fibel über das leichte, unbeschwerte Leben und die perfekte Inspiration für jeden Müssiggänger.

Meine Meinung:
Dieses Buch brachte mir meine Mutter mit, die schon fleissig daran gewerkelt hatte. Sie meinte, ich solle auch mal einen Blick reinwerfen. Natürlich machte ich mich neugierig daran, die hundert Vergnügungen zu entdecken.

Schon nach den ersten Seiten traf mich die Gewissheit: Das hier ist das perfekte Toiletten-Buch!

Nicht nur wegen der kurzen, amüsanten Texte, sondern auch, weil es zum süssen Nichtstun auffordert. Beziehungsweise dazu, mal etwas ganz Anderes zu tun, als immer nur Mails checken und auf Instagram Bilder zu liken. Müssiggang tut der Seele gut und hilft uns, den alltäglichen Stress abzubauen.

Wie viele Dinge es gibt, die wenig oder gar kein Geld kosten, zeigen uns die Autoren hier auf. Wann habt ihr zuletzt die Wolken betrachtet und euch überlegt, wonach sie aussehen? Oder ein Nickerchen gemacht? Oder ein Gedicht gelesen?

Genau dazu muntert dieses Buch auf und macht richtig Lust darauf, einfach mal etwas Sinnloses zu tun. Natürlich muss man nicht allen Vorschlägen zustimmen. Ich zum Beispiel würde niemals Fischen gehen. Dann doch lieber eine Runde lang Luftpolsterfolie platt drücken. Ja, dieses bekannte und beliebte Vergnügen findet in diesem Buch auch Platz.

Die kurzen Texte werden je mit einer Illustration von Stephanie F. Scholz untermalt. Diese sind ziemlich künsterlisch gehalten und treffen nicht immer meinen Geschmack. Dennoch geben die Bilder den Inhalt gut wider und schaffen eine ganz spezielle Stimmung.

Wie gesagt, eignet sich "Das Buch der hundert Vergnügungen" ausserordentlich gut, um einfach mal etwas darin herumzublättern. Eben, das perfekte Toilletten-Buch. Man liest einen kurzen Text, amüsiert sich, liest noch einen Text, blättert, denkt "Einen schaff ich noch!" und schon ist man durch, durch dieses erheiternde Werk.

Ehrlich, ich habe momentan echt Lust, irgendwo eine Hängematte aufzuhängen und mich da reinzulegen!


Kieran, Dan & Hodgkinson, Tom
Das Buch der hundert Vergnügungen
TB, 1. Auflage 2015
Insel

978-3-458-36078-0

Mit Illustrationen von Stephanie F. Scholz
Aus dem Englischen von Michael Hein
Originalausgabe: The Book of Idle Pleasures
Ebury Press, 2008

Freitag, 23. September 2016

[Lesenacht] 2. Lesenacht bei A Winter Story


http://a-winterstory.blogspot.ch

Heute seit 18.00 findet bei A Winter Story wieder eine Lesenacht statt. Ich habe mich seit der Ankündigung darauf gefreut und endlich habe ich es nach Hause geschafft, habe geduscht und sitze nun in meinem Spongebob-Pyjama vor dem Computer. Wer mitmachen will, HIER gibt es den Update-Post.

18.00 Uhr
Während die anderen Teilnehmer bereits in den Startlöchern stehen, bin ich noch fleissig und arbeite. 

Verrate uns doch was du heute lesen willst, wo du lesen magst und was dich als Essen oder Snacks heute Abend begleitet! 
Mein aktuelles Buch ist Rico Forwerks "Amurante: Der Wald" und ich kann es kaum erwarten, weiterzulesen. Aktuell überlege ich noch, was ich  mir zu futtern holen soll, und da ich unschlüssig bin, gibt es erst einmal einen ungesunden Energydrink. Der sorgt aber dafür, dass ich noch ein paar Stunden lang durchhalte ;)

Rückentext:
Der Wald ist undurchdringlich, der Nebel lässt niemanden gehen. Von der Zivilisation abgeschnitten, fragt sich Kayleigh Bringstine, warum jemand sie entführt haben sollte. Der krank alte Mann, mit dem sie sich die Hütte teilt und um den sie sich laut Notiz kümmern soll, redet kein Wort. Von Verzweiflung getrieben, realisiert Kayleigh bald die wahre Natur ihres Gefängnisses.
Und weshalb Mächte weit älter als die Menschheit beginnen, sich für sie zu interessieren...

19.00 Uhr
Unterdessen wurden schon viele Seiten gelesen und ich bin endlich beim Pflegekätzchen eingetroffen...

Stell uns die Protagonisten in deinem Buch vor! Wen kannst du gut leiden, wen überhaupt nicht?  
Eigentlich lernen wir bloss Kayleigh kennen, zumindest waren alle anderen Figuren bisher nur ganz kurz da. Bisher bewundere ich, wie Kayleigh sich schlägt - ich glaube, ich hätte in einer ähnlichen Umgebung längst das Handtuch geworfen. Leider kann ich nicht viel über ihren Charakter sagen oder darüber, ob ich sie mag oder nicht. Wir folgen als Leser eher von aussen ihren Taten. Auf jeden Fall wünsche ich ihr, dass sie einen Weg aus der Misere herausfindet!

20.00 Uhr
Endlich daheim! Eine Dusche muss erstmal sein, um sich die Mühen des Arbeitstages abzuwaschen.

Hast du ein bisheriges Lieblingszitat aus deinem Buch? Und würde dir spontan ein perfektes Lied zu deinem Buch einfallen?
Bisher ist dieses mein Lieblingszitat: "Meinst du nicht, es wäre arrogant anzunehmen, alle Träume gehörten nur dir? Hattest du denn das Gefühl, du wärst der alleinige Herrscher?" - Seite 107

Ein Lied werde ich bestimmt irgendwann auch noch finden, aber bisher habe ich noch kein passendes zu hören bekommen.

21.00 Uhr
40 Seiten weiter bin ich und bin absolut gefesselt von dem Buch.

Zeit für Blogbesuche! Schaut euch doch die Beiträge der anderen Teilnehmen an und lasst gerne einen netten Kommentar da!Was für eine tolle Aufgabe! Dann mach ich mich mal auf, die anderen Blogger zu besuchen.
Die Extra-Aufgabe mit Seite 225 kann ich übrigens nicht erfüllen, da mein Buch nur 223 Seiten hat *lach*

22.00 Uhr
Beschreibe dein Buch in drei Worten! Und wenn von uns begleiten denn heute tierische Gefährten? 
Wow - phantastisch - spannend
Irgendwo sollten sich hier zwei Norwegische Doofkatzen rumschleichen. Eine war zuvor hier und hat sich streicheln lassen, aber als Schatz in die Küche gewandert ist, war plötzlich keine Katze mehr da ;) Die Mädels tauchen des Öfteren auf meinem Blog L'Ora della Volpe auf, da findet ihr Bilder, falls ihr die Flauschviecher angucken möchtet.

So, Zeit, sich auf das Buch zu konzentrieren! Das nächste Update folgt zur vollen Stunde.

22.50 Uhr: ich bin durch mit dem Buch und absolut begeistert. Trotzdem muss ich jetzt ins Bett, da ich morgen sehr früh raus muss. Allen Teilnehmern weiterhin eine schöne Lesenacht und viele tolle Bücher!

Sonntag, 18. September 2016

[Rezension] Petra Hartlieb - Meine wundervolle Buchhandlung

Rückentext:
Was bedeutet es, von heute auf morgen den Job zu kündigen und alles auf eine Karte zu setzen? Petra Hartlieb hat genau das getan - und sich für ein Leben mit und zwischen Büchern entschieden.

Meine Meinung:
Dieses Buch habe ich von meinem Chef geschenkt bekommen. Er meinte, ihm ginge es in etwa wie Petra Hartlieb und er könne ihre Erlebnisse sehr gut nachvollziehen. Deshalb versuchte ich auch, das Buch schnellstmöglich zu lesen.

Hartliebs Schreibstil ist äusserst locker, sodass sich das Buch gemütlich lesen lässt. Sogar dann, wenn man schon müde ist. Viele Witze und ein leicht ironischer Unterton sorgen dafür, dass man während des Lesens immer wieder zum Lachen animiert wird.

Vor allem aber wird einem beim Lesen warm ums Herz. "Meine wundervolle Buchhandlung" ist eines jener Bücher, mit dem man sich an einem kalten Winterabend gemütlich zu Hause bequem machen kann und das einem die volle Portion Feelgood verabreicht. Man merkt der Autorin an, dass sie Bücher und ihre Arbeit liebt, dass sie es gerne macht und auch genau das vermitteln möchte.

Als Leser erhält man auf diese Weise einen Einblick hinter die Kulissen einer Buchhandlung und sollte man selbst demselben Beruf nachgehen (wie ich), so erfährt man, dass man zum Glück nicht alleine da steht. Allen geht es so und Petra Hartlieb macht keinen Hehl daraus, dass sie manchmal zweifelt, manchmal fast wahnsinnig wird und manchmal total verzweifelt ist. Doch immer wieder wird sie sich auch darüber bewusst, dass sie ihren Beruf liebt. Das animiert sie auch dazu, weiterzumachen. Allen motzenden Kunden zum Trotz.

Jeder, der Bücher auf irgendeine Art liebt, wird sich in diesem Buch wiederfinden. Deshalb ist es auch das ideale Geschenk für alle, die Bücher lieben. Deshalb war es auch das beste Geschenk, das mir mein Chef machen konnte (neben der Stelle als Buchhändlerin natürlich). Deshalb empfehle ich euch, die diesen Blog lesen, auch, bei nächster Gelegenheit, einen Blick in Hartliebs "Meine wundervolle Buchhandlung" zu werfen.


Petra Hartlieb
Meine wundervolle Buchhandlung
TB, 2. Auflage 2016
Dumont
978-3-8321-6343-3

Donnerstag, 15. September 2016

[Rezension] Simenon - Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes

Rückentext:
Ein Klassiker unter den Maigret-Romanen und einer der spannendsten und merkwürdigsten Fälle, die Simenon je beschrieben hat! Eine Todeszelle im Santé-Gefängnis in Paris. Zwei Uhr morgens. Joseph Heurtin steht auf, geht zur Tür hinaus, die Gänge entlang, in den Gefängnishof hinab. Er klettert über die Mauer, verschwindet. Hat er nur »Urlaub vom Tod«, oder ist er wirklich unschuldig? Sein Fluchthelfer? Kriminalkommissar Maigret höchstpersönlich, der hier seine Stellung und sein Leben riskiert.

Meine Meinung:
Bereits während der Lektüre meines ersten Maigrets war mir klar, dass mir dieser Kommissar gefällt. Doch wie sehr, wurde mir erst bewusst, als ich "Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes" las. Eigentlich wollte ich ja den zweiten Teil der Reihe in Angriff nehmen, aber den hat die Bibliothek leider nicht im Sortiment. Also griff ich einfach zum nächsten Titel der chronologischen Reihenfolge, der dort erhältlich ist. Da mir dieser jedoch so gefallen hat, mache ich mir nun Sorgen, dass alle weiteren Maigret-Romane in seinem Schatten stehen werden.

War ich bereits bei meinem ersten Maigret etwas verwirrt, so war dieser Band in jeder Hinsicht noch viel kurioser. Er beginnt nämlich mit einem Ausbruch aus dem Gefängnis - organisiert von keinem Geringeren als Maigret selbst! Da musste ich gleich auf den ersten Seiten leer schlucken (nein, ich hatte den Rückentext extra nicht gelesen!).

Dann erfahren wir Schritt für Schritt, was Maigret zu diesem Schritt bewogen hat. Bewegend fand ich dabei, dass wir feststellen, dass auch der Held dieser Reihe nicht unfehlbar ist. Aber er steht dafür gerade, wenn es sein muss, auch mit seiner Karriere. Dies machte mir diesen sanften Hünen von Kommissar nur noch sympathischer und viel zu schnell neigte sich das Buch dem Ende zu.

Auch hier war ich am Ende wieder total überrascht, weil ich aus den Geschehnissen selber gar nicht wirklich klug geworden bin. Ob Simenon seine Romane extra so schreibt? Vielleicht habe ich noch nicht genug seiner Bücher gelesen, um aus diesen Fragmenten wirklich etwas herauspicken zu können. Da ich aber sicherlich noch mehr Simenon lesen werde, hoffe ich, mir diese Fähigkeit irgendwann aneignen zu können.

Ein eindrücklicher Krimi, wundervoll erzählt von einem talentierten Wortakrobaten und ausgestattet mit einem Kommissar, der sich auf seine ganz eigene Art und Weise durch das herbstliche Paris schlägt.


Simenon
Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes
TB, 2001
Diogenes

3-257-20714-x

Originalausgabe: La tête d'un homme
1931

Sonntag, 11. September 2016

[Rezension] Dmitry Glukhovsky - Metro 2035

Rückentext:
Es ist das Jahr 2035. Seit ein verheerender Atomkrieg die Erde verwüstet hat, haben die Menschen in den Tiefen der Moskauer Metro eine neue Zivilisation errichtet. Doch die vermeintliche Sicherheit der U-Bahn-Schächte trügt: Zwei Jahre, nachdem Artjom die Bewohner der Metro vor einer Katastrophe gerettet hat, drohen die ideologischen Konflikte zu eskalieren. Die einzige Rettung scheint in einer Rückkehr an die Oberfläche zu liegen. Aber ist das überhaupt noch möglich? Erneut begibt sich Artjom auf eine gefährliche Reise. Eine Reise, die alles verändert...

Rezension zu "Metro 2033"
Rezension zu "Metro 2034"

Meine Meinung:
Für den dritten und neuesten Teil von Glukhovskys "Metro"-Reihe habe ich sehr lange gebraucht. Erst wollte ich alle anderen angelesenen Bücher durchhaben, damit ich mich voll und ganz auf "Metro 3035" konzentrieren konnte. Denn für mich ist "Metro" nicht einfach nur eine unterhaltsame Reihe, sondern ein Werk, das mich vor allem dadurch begeistert, dass ich mir genau so unsere Zukunft vorstelle.

Als ich dann endlich dazu kam, mich auf Glukhovsky zu stürzen, habe ich auch dann wieder sehr lange gebraucht. Das liegt nicht daran, dass das Buch schlecht ist, eher im Gegenteil. Je länger ich darin las, desto mehr wurde 2035 zu meinem Lieblingsband. Jedoch eigentlich sich "Metro 2035" nicht dafür, einfach mal da einen Satz und dort eine Seite zu lesen. Ich wollte mir Zeit nehmen dafür, mich hineinsinken lassen in diese düstere, enge Welt. Das gelingt auch sofort, dafür sorgt Glukhovsky schon, aber wenn ich schon las, dann wollte ich es auch geniessen. Also musste ich mir diese Zeiten rausnehmen und dafür hatte ich nur selten Gelegenheit. 

Auch ist "Metro 2035" kein Buch, das man einfach so nebenbei mal runterliest. Zumindest nicht für mich, schon gar nicht dieser Band. Denn hier zeigt sich nun, welche Monster wirklich in der Metro lauern. Keine Schatten oder Monster, es sind die Menschen, die grausam sind. Glukhovsky schafft ein glaubhaftes Abbild unserer Gesellschaft und eh man sich's versieht, hat er uns den Spiegel vorgehalten. Darin sind russische Sci-Fi-Autoren schon immer gut gewesen und nun führt Glukhovsky diese Tradition fort: Kritik halten an aktuellen gesellschaftlichen Standards. Aber es spielt ja alles in der Zukunft, das ist ganz weit weg und nur Fantasie. Mag man denken. Denkt man etwas weiter stellt man fest, dass es keine Metro braucht, damit ein paar wenige privilegiert sind und sich alles zusammenreimen um sich diese Privilegien zu bestätigen.

Für Fans dieses Universums gibt es ausserdem ein paar saftige Überraschungen und neue Ansichten. Zumindest mich erwischte es ein paar Mal ziemlich kalt. Somit ist "Metro 2035" kein Aufwärmen des ersten Bandes, was leider schon viel zu oft vorgekommen ist, sondern eine legitime und überzeugende Fortsetzung. Hier kommen auch die ersten beiden Bände zusammen, Artjom trifft auf Homer, so viel darf man meiner Meinung nach schon verraten ohne zu spoilern.

Überhaupt - Artjom. Er ist grossartig. Ein grossartiger Held. Beziehungsweise eben kein Held. Er will ja auch keiner sein. Artjom gehört nicht zu jenen Helden, die mit irgendwelchen Begabungen geboren werden, auserwählt sind oder sich ihrer Sache von Anfang an sicher sind. Meiner Meinung nach ist er der menschlichste Bücherheld, den ich je getroffen habe. Und ich habe schon viele Bücher gelesen. Aber Artjom ist anders. Er zieht zwar sein Ding durch, wie viele andere auch. Aber er zweifelt, verzweifelt, macht riesige Fehler, unter denen auch andere zu leiden haben. Er steht zwar immer wieder auf, aber oft dauert das eine Weile. Sind andere Protagonisten, die darauf getrimmt sind, menschlich zu wirken, dank ihrer Freunde oder ihrer Überzeugung schon lange wieder unterwegs, muss Artjom sich erst selbst langsam und verletzt wieder aus der Scheisse ziehen. Schweinescheisse sogar.

Deshalb mag ich Artjom. Er kriecht durch die Metro, die ihn mehr und mehr einengt, möchte eine Revolution anfangen, doch ob er es schaffen kann? Hier will ich nicht allzu viel verraten, denn das wäre dann wohl zu viel gespoilert, aber was die Figurenkonstellationen betrifft, passiert hier im Verlauf der Geschichte einiges. Vieles davon völlig unerwartet.

Natürlich möchte Homer aus Artjom einen Helden machen. Das will Artjom aber nicht. Hätte Glukhovsky Artjom gefragt, ob er ein Buch über ihn schreiben darf, hätte er wahrscheinlich ebenfalls abgelehnt. Aber Glukhovsky hat nicht gefragt und hier haben wir nun das absolute Gegenteil eines strahlenden Helden. Hier haben wir einen, der sich sträubt, verstrahlt ist und es den Leuten um sich herum oft nicht einfach macht.

In einer Rezension habe ich gelesen, dass die Geschichte wirr ist. Ja, an einigen Stellen ist sie das. Und genau das fand ich grossartig. Glukhovsky arbeitet hier sehr stark an seiner Sprache. In gefährlichen, rasanten Stellen wechselt die Sprache vom Präteritum ins Präsens. Keine ruhige Erzählung mehr, sondern jetzt muss man handeln, reagieren. JETZT. Auch seine Ausdrücke wechseln immer wieder, als wolle der Autor einfach mal ausprobieren und ich finde, das darf er auch. Das muss er sogar.

Etwa in der Mitte hat Artjom ein ziemliches Blackout. Er weiss nicht mehr, was passiert ist. Wissen wir als Leser das? Nein. Wir müssen zusammen mit Artjom herausfinden, was während dieser Zeit passiert ist. Glukhovsky macht es uns da nicht einfach, indem er alles runterpalavert, was passiert ist. Auch der Leser hat etwas zu tun. In der Metro gibt es keine Silberteller, zumindest nicht in der Metro, in der Artjom lebt. Wieso sollte dann der Leser alles auf dem Silbertablett bekommen?

Die Gespräche sind oft in direkter Rede gehalten, sodass man rasch den Faden verliert, wer nun was sagt. Hier kann ich zusammen, dass es etwas verwirrend werden kann. Genau deshalb nahm ich mir Zeit für "Metro 2035" - um aufmerksam zu sein, aufzupassen, was vor sich geht und mich auch mal meiner Verwirrtheit hinzugeben. Schlussendlich wird nämlich alles aufgeklärt.

"Metro 2035" ist ein grandioses Werk, eigensinnig und starrköpfig wie sein Protagonist. Ein Meisterwerk der Sci-Fi-Literatur und eine Abwechslung in einer Literaturgattung, in der es ansonsten eher glitzert und Happy Ends gibt. Dieses Buch sucht Seinesgleichen und ich hoffe, dass der nächste Teil ebenso überzeugend und faszinierend ist.


Dmitry Glukhovsky
Metro 2035
Broschiert, 2016
Heyne

978-3-453-31555-6

Aus dem Russischen von David Drevs
Originalausgabe: METPO 2035
2015

Ich bedanke mich herzlich beim Bloggerportal und dem Heyne Verlag für das Rezensionsexemplar

Donnerstag, 8. September 2016

[Interview] Buch-Blogger im Interview

Die liebe Julia ist kürzlich erst mit ihrem Blog gestartet, hat jedoch bereits viel Erfahrung, wenn es ums Schreiben geht. Auf dem Blog dreht sich alles um das Thema Self-Publishing, wer also gerne selber mal ein Buch veröffentlichen will, der kann sich HIER regelmässig neue Informationen, Ideen, Tipps und Tricks holen.

Da ein Autor aber auch Leser braucht, hat Julia eine tolle Aktion gestartet. Da für Self-Publisher vor allem Buchblogger eine grosse Hilfe sein können, hat sich Julia tiefer mti dem Thema befasst und vier Bloggerinnen interviewt. Und ja, ich war eine davon.

Der Austausch hat sehr viel Spass gemacht und Julia hat mich mit ihren Fragen auch zum Nachdenken gebracht. Deswegen möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal für diese schöne Möglichkeit bedanken.