[Rezension] Jonas Jonasson - Die Analphabetin, die rechnen konnte

Rückentext:
Mit fünf fing sie an zu arbeiten, mit zehn wurde sie Waise, mit fünfzehn von einem Auto überfahren. Im Grunde deutete alles darauf hin, dass Nombeko ihr Dasein in ihrer Hütte im grössten Slum Südafrikas fristen und früh sterben würde.
Wenn sie nicht die gewesen wäre, die sie war - aber die war sie eben: Nombeko war die Analphabetin, die rechnen konnte.

Meine  Meinung:

Lange ist es her, dass mich „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erheitert und begeistert hat. Lange dachte ich auch, dass Jonasson ein literarisches One-Hit-Wonder ist und bleibt. Als dann sein zweites Buch erschien, ging ich automatisch davon aus, dass es bloss ein Aufwärmen bereits bekannten Materials ist.

Bekanntes Material benutzt Jonasson in „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ tatsächlich. Auch hier haben wir es wieder mit einer Atombombe zu tun, auch hier treffen wir auf nicht ganz alltägliche Figuren und auch hier geht es um eine Reise. Und natürlich setzt Jonasson auch wieder seinen Witz und Charme ein, um seine Geschichte zu erzählen.

Tatsächlich schafft es der schwedische Autor somit, aus den Dingen, die die Leser am Hundertjährigen liebten, zu etwas Neuem zusammenzusetzen. Ähnlich, als kreiere man aus denselben Zutaten ein völlig neues Gericht. Jonasson ist ein Zauberer mit Worten, einer sprühenden Fantasie und dem überschäumenden Witz von jemandem, der weise genug ist, das Leben nicht immer allzu ernst zu nehmen.

Meine anfängliche Skepsis löste sich bereits auf den ersten Seiten in Rauch auf und ich verfolgte Nombekos absonderliche Reise mit dem grössten Vergnügen. Darf ich ehrlich sein? Mir gefiel die Analphabetin irgendwie fast noch besser als der Hundertjährige! Ein abstruses Erlebnis jagt das nächste und obwohl man als Leser fast schon damit rechnet, dass irgendetwas schief gehen muss, ist man immer wieder überrascht, _wie_ gründlich es denn nun schief geht.

Oftmals fragte ich mich, woher Jonasson all diese Ideen und Einfälle nimmt. Eine Seite ist wilder als die andere. Zum Glück gibt es dazwischen aber immer wieder Atempausen, in denen auch der Leser zur Ruhe kommen kann. Ansonsten wäre das bei über 400 Seiten schon etwas zu viel gewesen. Aber Jonasson scheint dies, im Gegensatz zu vielen Schriftstellerkollegen, zu wissen, und gönnt sich, seinen Figuren und uns immer wieder eine kleine Auszeit.

Nur um dann zum nächsten Rundumschlag auszuholen.

Natürlich ist alles ziemlich übertrieben, aber das gehört meiner Meinung nach in diese Art von Literatur. Und da es, wie oben erwähnt, auch ruhigere Zeiten im Leben von Nombeko und ihrem Gefolge gibt, stört mich dies hier kein bisschen.

Herr Jonasson, wie machen Sie das bloss? Ich bin wirklich restlos begeistert von diesem unterhaltsamen, aber auch gekonnt sozial- und wirtschaftskritischen Buches. Denn der Autor blödelt nicht nur herum, sondern geht mit offenem Blick durch die Welt, erkennt die dunklen Flecken und zerrt diesem auf seine charmante Art ins Rampenlicht.

Wenn wir davon lesen, wie Nombeko sich heimlich nach oben arbeitet, dann finden wir das gewitzt und klug von ihr, wissen aber auch um die politischen Hintergründe der Apartheid in Südafrika. Diese thematisiert Jonasson auf solch unterschwellige und verdeckte Weise, dass sich niemand bevormundet fühlt oder einem das Elend der Welt aufs Auge gedrückt wird. Es ist alles da und während wir lesen, beschäftigen wir uns damit, setzen uns damit auseinander, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.

Irgendwas hat dieser Jonasson einfach. Was immer es ist, er kann es richtig einsetzen und damit richtig gute Bücher schreiben!


Jonas Jonasson
Die Analphabetin, die rechnen konnte
HC mit Schutzumschlag, 1. Auflage 2013
Carl's Books

978-3-570-58512-2

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Originalausgabe: Analfabeten som kunde räkna
Piratförlaget, Stockholm 2013

Kommentare

  1. Mir hat die Analphabetin auch gut gefallen, allerdings nicht so gut wie der Hundertjährige. Hier muss ich schon lachen, wenn ich nur daran denke.

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    1. Ich habe den Hundertjährigen vor einigen Jahren gelesen und kann mich leider kaum noch daran erinnern :/ Wäre bestimmt einen Re-Read wert, denn auch mich hat der Alte sehr zum Lachen gebracht.

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