[Rezension] Goethe - Die Leiden des jungen Werther

Rückentext:
Dies ist die Geschichte der unglücklichen Liebe eines jungen Künstlers zu einer Frau, die schon einem anderen versprochen ist. Der Werther war wohl der erste europäische Bestseller der deutschen Literatur.

Meine Meinung:
Ich liebe Challenges. Weil sie genau das tun, was ihr Name sagt: herausfordern. Uns über den Tellerrand blicken lassen, uns neuen Herausforderungen stellen lassen. So war es auch die Read Harder-Challenge, die mir die Aufgabe stellte, ein Buch aus der Schule erneut zu lesen, das ich damals nicht mochte oder gar nicht gelesen hatte.

Echt, ich konnte Werther nicht ausstehen. Schon vom ersten Satz an ging er mir auf den Keks. Wirklich gelesen habe ich seine Briefe also nie, habe nur etwas durchgeblättert und das gelernt, was ich für die Prüfung wissen musste. Wir wissen ja, wie man sich so durchschlägt.

Danach zog ich meine persönliche Fehde gegen Werther weiter, er wurde zum Synonym für Kitsch und Klassiker, die man aufgezwungen bekommt.

Und genau diesen Werther wollte ich noch einmal kennenlernen. Zehn Jahre nach der ersten Begegnung wurde ich neugierig darauf, wie es uns wohl dieses Mal ergehen würde. Angespornt von der Challenge machte ich mich an die erneute Lektüre.

Dieses Mal war alles ganz anders.

Ich schwelgte richtig in der Erzählung, was vor allem an der wunderschönen Sprache liegt. Die wusste ich damals noch nicht zu schätzen, aber unterdessen klingt sie melodiös in meinen Ohren, wie ein richtiges Lied. Kein Wunder, immerhin handelt es sich hier um Goethe.

Kam mir Werther selber früher weinerlich und selbstmitleidig vor, so schien er mir jetzt mehr wie ein nachdenklicher, ruhiger Junge, der so tiefe Gefühle empfindet, dass er ihnen schlussendlich nicht entkommen kann. Ich freundete mich richtig mit ihm an und war am Ende, obwohl ich ja wusste, wie es ausgeht, sehr, sehr traurig.

Noch immer bin ich erstaunt, wie anders man Texte nach einigen Jahren wahrnimmt. Was Werther betrifft, habe ich eine 180-Grad-Wendung hingelegt. Ich bin noch immer der Meinung, dass dieses Buch keines ist, das man 17-Jährigen vorlegen sollte, aber nun kann ich die Wärme, von der viele Rezensenten sprechen, nachempfinden. Trotz der Tragik ist es ein warmes, feinfühliges, empfindsames Buch, dessen Hauptfigur sein gesamtes Befinden vor uns ausbreitet.

Normalerweise bin ich kein Freund grosser Emotionalität, aber Goethe driftet in seinem Werk nicht ins Kitschige ab. Es ist sehr dezent gehalten, genau darum kommen Werthers Gefühle umso deutlicher zum Tragen. Einmal berichtet er von einem Spaziergang, im nächsten Brief wiederum von einer Begegnung mit Lotte, dann wiederum vom alltäglichen Leben im damaligen Deutschland.

All dies macht die Erzählung für mich glaubhaft, lebensnah. Die Liebesbeziehung steht zwar im Mittelpunkt, aber sie dominiert nicht. Diese Geschichte ist zart und feingliedrig wie eine Pflanze im Frühling.

Und so merkt man, wie man älter und vielleicht auch weiser wird, und so werden Feinde zu Freunden. Ich bin froh, dass ich mein Kriegsbeil mit Werther begraben konnte und nehme ihn freudig auf in meinen literarischen Freundeskreis.


Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther
erstmals erschienen 1774

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